Buchtipps

   

 

Unser Buchtippgeber-Team hat sich verändert:
Ab 2021 rezensieren für uns: Inge Bischoff, Bärbel Meyer-Klinge, Claudia Speer und Dr. Wolfgang Weimer im monatlichen Wechsel.

 

DER WILDE

Guillermo Arriaga

 

Roman, gebunden, 746 Seiten, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2018

Originaltitel: El Salvaje (Erstdruck 2016, Mexiko-Stadt)

Übersetzt aus dem Spanischen: Matthias Strobel

 

 

Zum Autor:

 

Geboren 1958 in Mexiko-Stadt, ist Arriaga bekannt vor allem als Drehbuchautor für die mit Oscars ausgezeichnete Filmtrilogie „Amores Perros“, „21 Gramm“ und „Babel“ des mexikanischen Regisseurs Alejandro Iñárritu (eine Zusammenarbeit, die mit einem Zerwürfnis endete), aber auch selbst als Filmregisseur und Schriftsteller hervorgetreten. „Der Wilde“ ist sein erster ins Deutsche übersetzter Roman.

 

 

Zum Inhalt:

 

Die Romanhandlung, des Öfteren unterbrochen von informativen kulturhistorischen Abschnitten, bewegt sich in zwei Räumen: einem Armenviertel von Mexiko-Stadt und der kanadischen Provinz Yukon. Verknüpft werden beide Handlungsstränge durch zwei Wölfe, von denen einer in seinem natürlichen Habitat lebt, während es den anderen als unglückliches Haustier in eine mexikanische Wohnung verschlagen hat. Erst nach und nach erfahren wir, in welcher Weise das Schicksal beider verwoben ist.

Ungewöhnlich und – wie ich meine – packend ist die Eröffnung der Handlung: Wir lernen eine Familie in Mexiko-Stadt kennen, bestehend aus Vater, Mutter, zwei Kindern, einem Hund (nein, nicht der Wolf!) und zwei Wellensittichen. Die Vorstellung einer Idylle wird sofort durch die Bemerkung zerstört, dass Vater, Mutter und Bruder des Ich-Erzählers, ebenso Hund und Vögel innerhalb der nächsten vier Jahre sterben werden. Es sind dies die Jahre, in denen die Romanhandlung spielt. Aber schon vorher ist ein Mord (wenn man es so nennen kann) geschehen, und verantwortlich dafür ist er, Juan Guillermo, der Erzähler. Im Uterus seiner Mutter hat er mit seinem Zwillingsbruder einen Territorial- und Verdrängungskampf durchgeführt, in dessen Verlauf sich schließlich die Nabelschnur um den Hals des Bruders legte; mit jeder weiteren Bewegung zog sich der Strick enger um seine Kehle, bis zum Tode. Das verbleibende Kind und die Mutter konnten durch einen Kaiserschnitt gerettet werden, und der Sohn erfuhr früh, was es heißt, mit Schuldgefühlen zu leben.

Umso wichtiger ist ihm der ältere Bruder Carlos, belesen und hochbegabt, ein Vorbild, aber wenig geneigt zu einer bürgerlichen Existenz. Gemeinsam mit zwei Freunden wird er zu einem Drogenhändler in großem Stil und mit originellen Marketing-Einfällen. Da er sich weigert, die Polizei zu bestechen, gerät er in deren Visier, mehr aber noch in das einer ultra-katholischen Jugendbande, die mit skrupelloser Gewalt für den Weg dessen kämpft, was sie für christlich und tugendhaft hält. Carlos wird schließlich von dieser Bande auf langsame und brutale Weise umgebracht, und auch an diesem Tod trägt Juan Guillermo, wenngleich ohne Absicht, eine Mitschuld.

Der mexikanische Wolf nun tritt auf als angeblicher Wolfshund, den Nachbarn auf ihrem Grundstück zu halten versuchen: importiert, angekettet, ein trauriges Schicksal. Als die Nachbarn sich entschließen, ihn durch einen Tierarzt töten zu lassen, erreicht Juan es durch Hartnäckigkeit, dass sie ihm das Tier überlassen, das nun sogar in einer Wohnküche leben muss, zum Entsetzen des alten Haushundes. Auf den Rat eines erfahrenen Dompteurs hin nimmt Juan den Kampf auf, den Wolf zu unterwerfen, sich selbst also als Leitwolf zu etablieren.

An seiner Seite steht eine junge Frau, behindert nach einem Unfall, wobei sich erst nach längeren, durch die Bindungsschwäche der Frau verursachten Komplikationen eine Liebesbeziehung, ein Zueinander-Halten und Füreinander-Einstehen ergibt.

Wild ist ihre Liebe, wild sind die Verhältnisse in Mexiko-Stadt mit einer korrupten Polizei und Jugendbanden, die sich ihr eigenes Gesetz machen – der Wilde aber ist der Wolf, und er soll schließlich – so entscheiden es Juan und seine Freundin – in seine angestammte Heimat Kanada zurückgebracht werden.

Dort, in Yukon, spielt der andere Handlungsstrang, bestehend aus der unerbittlichen und besessenen Jagd eines Inuit auf einen beinahe mythischen Wolf. Als dieser dem Jäger endlich in eine Falle gegangen ist und getötet werden könnte, wenn nicht der Jäger inzwischen seine letzte Munition verschossen hätte, finden auch sie zueinander: der Mensch und der Wolf. Aber der Mensch, der Jäger, stirbt bei dem Versuch, für sich und für ihn Jagdbeute zu machen.

Es sind überraschende Verwandtschaftsverhältnisse, die in eine Übernahme von Verantwortung münden, durch welche der Wolf schließlich überlebt und sogar Nachkommenschaft zeugen kann. Man ahnt nun die Verbindung zu dem Wolf, den wir in Mexiko-Stadt kennengelernt haben.

Der Roman endet dort in Yukon, wo die wichtigsten Figuren des Romans aufeinandertreffen und Juan eine Entscheidung treffen muss, ob er „seinen“ Wolf, der nie in Freiheit gelebt hat, dennoch gegen den Rat der Fachleute in die Wildnis entlassen soll.

 

Wenn man Romane klassifiziert in

 

1. Lektüre enttäuscht abgebrochen,

2. das Ende erleichtert erreicht und

3. am Ende bedauert, dass es schon das Ende ist,

 

dann gehört „Der Wilde“ für mich eindeutig in die 3. Kategorie. Die Personen (und die Wölfe) sind mir vertraut geworden, ich nehme Anteil an ihrem Schicksal und möchte gerne wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Einige sind unterwegs gestorben, aber für andere ist noch vieles offen. So ist das Leben, und Romane enden manchmal mittendrin.

Eigentlich, so habe ich mir gedacht, hat man gar nicht die Wahl zwischen Zivilisation und Wildnis – nicht, wenn man in Mexiko lebt. Man hat die Wahl zwischen einer natürlichen und einer verderbten Wildheit, letztere ein Sumpf aus moralischer Korruption und Grausamkeit, wobei der eine den anderen ausnutzt, betrügt und ihm bei voller Überzeugung, im Recht zu sein, mit Genuss beim Sterben zusieht. Der Wolf hingegen betrügt niemanden – er ist, wie er ist.

Arriaga ist belesen genug, um den aus der Antike stammenden Spruch zu kennen, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist; er zitiert ihn freilich nicht, und vielleicht ist der Spruch auch falsch. Der Mensch kann schlimmer, viel schlimmer sein als ein Wolf.

 

 

Dr. Wolfgang Weimer

Mai 2021

 

 

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