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VERLORENE LEBEN

Pierre Kretz

 

Roman, 165 Seiten, Verlag Klöpfer, Narr, Tübingen 2019

Originaltitel: Vies dérobées

Übersetzt aus dem Französischen: Irène Kuhn und Claire Bray

 

Zum Autor:

Pierre Kretz wurde 1950 in Sélestat im Elsass geboren und ist in einem kleinen, katholisch geprägten Winzerdorf aufgewachsen. Er studierte Jura in Straßburg und Saarbrücken, gab den Anwaltsberuf mit seinem 50. Geburtstag auf, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Er lebt in den Vogesen, hat zahlreiche Bücher verfasst, darunter Romane, Theaterstücke und auch kulturpolitische Essays. Für sein Mundartstück „Ich ben a beesi Frau“, Hörspiel des SWR und SFR, bekam er 2019 die Auszeichnung „Hebeldank“ des Hebelbundes Lörrach.

 

Zum Inhalt:

Die idyllische Region Elsass/l’Alsace, eingebettet zwischen den einstigen Erzfeinden Frankreich und Deutschland, ist von der Geschichte gebeutelt worden und hat seit 1870/71 je nach Kriegsausgang die Sprache, die Kultur, das Schul- und Rechtssystem wechseln müssen.

Was uns hier im Südwesten unbedingt angeht, und wovon wir aber kaum etwas wissen: Die Weltkriege führten zu Zwangs-evakuierungen und Zwangsrekrutierungen, sodass die jungen Elsässer auf der falschen Seite gegen einen Feind kämpfen mussten, der nicht der ihrige war. Über diese Dinge, tief im Gedächtnis eingegraben, wurde jahrzehntelang geschwiegen. Missverständnisse sind präsent bis heute(!).

In seinem jüngsten Roman „Verlorene Leben“ erzählt der Autor die Geschichte des erfolgreichen Anwalts Ernest Schmitt (einer fiktiven Romanfigur), der 1910 als Sohn einfacher Bauern im Sundgau geboren und später wegen seiner Begabung vom Dorfpfarrer in ein bischöfliches Knabenseminar empfohlen wird. Dessen Hoffnung auf ein künftiges Leben als Priester erfüllt sich jedoch nicht, da Schmitt ein Jurastudium in Straßburg aufnimmt. Als Jurist, französisch und deutsch sprechend, wird er Anwalt in der Kanzlei seines protestantischen Schwiegervaters in Straßburg. Gute Voraussetzungen für ein zufriedenes, bürgerliches Leben, kämen da nicht die Nazis und mit ihnen der Krieg. Das Elsass wird „germanisiert“, die Widerständigen deportiert.

Ernest wird 1941 als einer von 130.000 „Malgré nous“ aus dem damaligen Elsass-Lothringen an die Ostfront eingezogen – und kehrt 1945 seelisch gebrochen zurück.

Er lebt weiter als Fremdling, gepeinigt von Kriegserlebnissen, die er niemandem mitzuteilen vermag. Zudem verschweigt Ernest seine Homosexualität, sodass er auch in der Ehe einsam bleibt – wie auch seine Frau. Am Ende verblüfft Pierre Kretz mit einem Finale, das subtil Ernests letzten Versuch, weiterer Fremdbestimmung zu entkommen und im Einverständnis mit sich selbst zu überleben, verwirklichen kann.

In seiner dicht geschriebenen Erzählweise lässt der Autor den Leser Zug um Zug die Geschichte des Protagonisten Ernest erfahren, nämlich vermittelt durch kurze, vielstimmige Berichte von Personen, die sein Leben einst kreuzten und die gerne wüssten, wo er verblieben ist.

Trotz der dunkel getönten Thematik fehlen Witz und Ironie nicht. Kretz vermittelt ein starkes Gefühl für seine Figuren. „Verlorene Leben“ ist ein nüchtern und packend erzählter Roman über ungelebte Leben und auch über verstohlen gelebte Leben als stillen Versuch der Selbstbehauptung – und zudem vorzüglich ins Deutsche übersetzt.

 

Inge Bischoff

Juni 2020

 

 

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