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ICH BLEIBE HIER

Marco Balzano

 

Roman, 286 Seiten, Diogenes Verlag, Zürich 2020

Originaltitel: Resto qui

Übersetzt aus dem Italienischen: Maja Pflug

 

 

Zum Autor:

Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Autoren der italienischen Gegenwarts-literatur. Er unterrichtet als Lehrer für italienische Literatur an einem Mailänder Gymnasium und lebt mit seiner Familie in Mailand.

Balzanos Werk umfasst Gedichte, Essays, Erzählungen und Romane. Sein Buch „Ich bleibe hier“ (Resto qui) bekam u. a. 2018 den 2. Platz des renommierten italienischen Literaturpreises „Premio Strega“.

 

 

Zum Inhalt:

 

Auf dem Buchdeckel ist der Kirchturm von Alt-Graun im Vinschgau zu sehen, der noch zur Hälfte aus dem Wasser des Reschensees ragt. Man könnte dies für eine Montage halten, aber es ist Realität. Das Dorf, in dem dieser Turm aus dem 14. Jh. bis 1950 stand, existiert allerdings nicht mehr. Um einen gigantischen Stausee zur Stromgewinnung zu errichten, ließ das italienische Großunter-nehmen Montecatini die Häuser sprengen und das gesamte Dorf überfluten. Der unter Denkmalschutz stehende Turm blieb, 1200 Bewohner verloren ihre Heimat. Er ist zum touristischen Anziehungspunkt und zum Wahrzeichen dieser Südtiroler Region geworden, die an Österreich und die Schweiz grenzt. Dabei muss man ihn als Symbol für etwas ganz anderes verstehen: Es ist ein Vertriebenen-Denkmal, mahnt an eine vielschichtige, grausame Geschichte:

Eine Familiengeschichte, eine Gesellschaftsgeschichte an der Schnitt- und Bruchstelle zweier Länder, eine europäische Geschichte und den Blick auf skrupellose Obrigkeit und dagegen aufgebrachte Standhaftigkeit. Eigentlich, und das vorweg, erzählt Balzano viel zu viel. Fast ein ganzes Jahrhundert wird in diesem bemerkenswerten Buch durchmessen, an einem besonderen Ort, dem Bergdorf Graun.

Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund entwickelt der Autor die fiktive, aber realitätsnahe Geschichte der Lehrerin Trina. Sie wird kurz nach ihrem Examen zu Beginn des 2. Weltkriegs zu den sogenannten Optanten gerechnet – jenen Menschen, denen „freigestellt“ wurde, entweder ihre Heimat zu verlassen und ins Deutsche Reich zu wechseln (ein Reich, das sie nicht kannten) oder in Südtirol zu bleiben und zwangsitalienisiert zu werden. 1939 unterzeichneten Hitler und Mussolini diesen Vertrag.

 

Trina ist in Graun aufgewachsen und bleibt mit ihrem Mann Erich, einem Bauern, und ihren beiden Kindern im Heimatdorf. Doch ihre kleine Tochter Marcia verschwindet. Dies ist lange eines der verstörenden Rätsel des Romans. Trina und ihr Mann sind traumatisiert, und sie benutzt den historischen Stoff als Seelenmelodram. Sie schreibt in Ich-Form an ihre verlorene Tochter einen langen Brief, über alle Buchseiten hinweg, um zu berichten, was der Familie über die Jahre zustößt. Aber auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs erhält Trina nie mehr ein Lebenszeichen von ihr.

Die Kriegsjahre in Südtirol, einer Region, die zwischen Italien und dem Deutschen Reich lavieren musste, sind als Jahre der Entbehrung beschrieben. Trina arbeitet unter großer Gefahr in einer der Katakombenschulen; in Kellern und Scheunen wird verbotenerweise auf Deutsch unterrichtet. Eine Freundin wird erwischt und kommt in die Verbannung nach Süditalien. Durch die Option werden Dörfer und Familien gespalten in die, die gehen, und die „Dableiber“, die schräg angesehen und sogar schikaniert werden, auch in Graun.

Tina und Erich fliehen während des Krieges in die Berge. Dort ist es kalt und grausam, und sie entkommen nur durch Zufall ihrer Hinrichtung.

Nach dem Krieg naht dann der skrupellose Akt der Flutung des Dorfes. Die Bauarbeiten des Staudamms hatten schon unter Mussolini angefangen, wurden von deutscher Seite gestoppt und dann von den Italienern wieder vorangetrieben. Das Schlimme und auch die historische Schuld bestehen darin, dass die Dorfbewohner von der italienischen Regierung völlig im Unklaren gelassen wurden. Sie mussten von heute auf morgen aus ihren Häusern, als das Wasser kam, sie hatten nicht mal die Chance, ernsthaft zu protestieren. Widerstand stieß auf taube Ohren. Erich wird als Querulant angesehen. Politik und Geistlichkeit (selbst eine Audienz beim berüchtigten Papst Pius XII.) ändern nichts mehr. Der Staudamm wird 1950 fertiggestellt.

 

Balzano hat eine sehr klare und zu Herzen gehende Geschichte gefunden, übersetzt in bewährter Weise von Maja Pflug. Er hat jahrelang zu diesem Stoff recherchiert.

In Italien wurde das Buch übrigens von den Südtirolern als Zeichen der Versöhnung gesehen, in dem ein Mailänder, gebürtiger Sizilianer, über diese offene Wunde im Vinschgau schreibt.

Wer „Ich bleibe hier“ gelesen hat, wird nie wieder in das idyllische Südtirol fahren können, ohne an die schmerzhafte Geschichte zu denken, die noch lange nicht vergangen ist.

 

 

Inge Bischoff

Dezember 2020

 

 

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