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Inge Bischoff, Bärbel Meyer-Klinge, Claudia Speer und Dr. Wolfgang Weimer

 

Archilochos: Gedichte

Kurt Steinmann (Herausgeber und Übersetzer)

Taschenbuch, 120 Seiten, Reclam-Verlag, Ditzingen 2021

Zweisprachige Ausgabe: Griechisch/Deutsch

 

Zum Autor:

Kurt Steinmann hat bereits 1998 die Gedichte des Archilochos zweisprachig in der Insel-Bücherei herausgegeben; insofern handelt es sich bei dem Reclam-Bändchen um eine preisgünstige (6,80 Euro) Neuausgabe. Daneben gibt es weitere Ausgaben, die neu oder antiquarisch erhältlich sind. Vollständiger werden die Texte durch diese Vielfalt leider nicht. Unterschiede ergeben sich dann, wenn die Herausgeber versuchen, Fehlendes mit Mutmaßungen zu einem besser lesbaren Gedicht zu ergänzen.

 

Zum Inhalt:

Lyrik ist beliebt. Manchmal meint man: bei Autoren noch mehr als bei Lesern.

Ihre Tradition reicht weit zurück, und im Abendland dürfte am Anfang dessen, was wir heute als Gedicht ansehen (also ohne die epische Dichtung), der griechische Dichter Archilochos stehen. Er muß etwa um 700 v. u. Z. geboren worden sein, und zwar auf der Insel Paros. Um 675 tritt er durch die Gründung einer parischen Kolonie ins Licht der Geschichte, und die Zeit seines lyrischen Wirkens liegt von ca. 670 bis 640.

Schaut man in sein überliefertes Werk, wird man traurig: Alle Gedichte sind nur in längeren oder kürzeren Fragmenten erhalten; einige wenige Fabeln – auch das hat er geschrieben – sind im Rahmen der äsopischen Tradition bekannt.

Hinsichtlich dieses betrüblichen Befundes unterscheidet Archilochos sich nicht von seiner etwas jüngeren, vielleicht noch berühmteren Kollegin Sappho, denn auch von ihr ist kein einziges Gedicht vollständig überliefert. In der Antike, die noch die vollständigen Texte kannte, waren beide hochangesehen.

Wie Sappho gibt auch Archilochos sich in seinen Gedichten als Person zu erkennen; und selbst wenn es uns unbekannte Vorläufer darin gegeben haben mag, so finden wir doch bei ihm erstmals in der europäischen Überlieferung dieses eine, für Lyriker so typische Wort: ich, als „lyrisches Ich“ uns heute wohlbekannt. Ein Individuum schreibt von sich selbst.

Ist das fingiert? Ist das autobiographisch? Es ist schwer zu entscheiden. Wir lernen einen Mann kennen, der sich als Soldat durchs Leben schlägt, von Schlachten erzählt und in einer kritischen Situation schon einmal seinen Schild wegwirft, statt zu kämpfen; der ein Mädchen begehrt und verführt; der sich verliebt und Probleme mit seinem Schwiegervater hat, welcher daraufhin sein lyrisches Fett abbekommt; der Freunde hat und mit ihnen Wein und Gesang genießt; der sich Gedanken über seine Mitbürger macht; der den Tod eines ihm Nahestehenden beklagt. Und gelegentlich streut er, wie gesagt, eine Tierfabel ein, die man später dem Werk des Äsop zugerechnet hat – etwa die von der Freundschaft zwischen Fuchs und Adler.

In allzu vielen Fällen muß der Sinn leider rekonstruiert werden, weil der bei irgendeinem anderen Autor kurz zitierte Text oder die bruchstückhaft erhaltene Inschrift mehr nicht bieten.

Ich führe einmal fünf Beispiele an, die – so knapp sie sind – doch immerhin noch einen Sinn ergeben:

  • Fr. 67 D.: … denn gerade, wer dein Freund ist, würgt dich ab.
  • Fr. 69 D.: … mit dir zu kämpfen, wie ein Dürstender den Trank, so begehr ich das ...
  • Fr. 71 D.: Wäre mir doch Neobules Hand zu streifen nur vergönnt!
  • Fr. 73 D.: Ja, ich hab geirrt! Manch andren suchte schon der Irrtum heim!
  • Fr. 104 D.: ich fiel dem Sehnen ganz anheim, / liege da, wie entseelt, und die Schmerzen, von Göttern verhängte, / die bohren sich durch mein Gebein!

Manche Stücke sind auch länger, andere, die trostlosen Fälle, bestehen nur aus einzelnen Wörtern ohne erkennbaren Sinnzusammenhang.

 

Ein berühmtes Gedicht [Fr. 74 D.] schildert eine plötzlich eingetretene Sonnenfinsternis:

 

Unvorstellbares Ereignis, ganz unmöglich, wunderbar,

ist hinfort nichts mehr auf Erden, seit der Göttervater Zeus

Mittagszeit in Nacht verwandelt und der hellen Sonne Licht

sich verbergen ließ. Die Menschen spürten plötzlich kalte

Angst.

Und seither ist nichts verläßlich: glaubwürdig den Menschen

scheint

alles jetzt. Drum wundre keiner sich, wenn er Delphine sieht

ihre Wohnstätten im Meere tauschen mit dem Waldgetier

und wenn diesem Wild die Wogen und ihr Rauschen künftighin

lieber als das Festland scheinen und der Fisch im Bergwald

haust.

[Es folgen noch einige bruchstückhafte Wörter.]

 

Wenn dies, wie man vermutet, die errechnete Sonnenfinsternis vom 6. April 684 v. u. Z. um 9.54 Uhr beschreibt, dann handelt es sich hier um das erste exakt bestimmbare Ereignis in der griechischen Kulturgeschichte. Zugleich wird in der Schilderung die tiefe, emotional aufgeladene Erschütterung deutlich, welche dieses Ereignis bei den Zeitgenossen ausgelöst hat.

 

Mich zumindest stimmt die Lektüre des Archilochos melancholisch, weil dem Gefühl, große Literatur zu ahnen, das Bedauern über ihren unbefriedigenden Zustand beigemischt ist. Antike Literatur in der Form, wie wir sie heute kennen, besteht eben nicht in erster Linie aus den bekannten Epen und Dramen, sondern in mehr als 90 % der Fälle aus unvollständig oder sogar nur als Titel überlieferten Werken. Da ist weit mehr Verlust als Überlieferung. Am Anfang unserer Kultur steht allzu oft die Lücke, die nur noch Großes ahnen läßt.

 

Dr. Wolfgang Weimer

Januar 2022

 

 

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